Human Centric Lighting

Das nächste große Ding: Human Centric Lighting

Die Erfindung des künstlichen Lichts hat die Zivilisation revolutioniert. Der Alltag richtete sich plötzlich nicht mehr nur nach dem Stand der Sonne. Arbeit, Bildung, Vergnügen – all diesen Tätigkeiten konnte fortan auch ohne Tageslicht in Gebäuden nachgegangen werden. Das Leben, so wie wir es kennen, wäre ohne künstliches Licht nicht möglich. Zugleich stehen wir heute wieder vor einer Entwicklungsstufe. Technologischer Fortschritt und ein mittlerweile fundiertes Wissen über die Wirkung von Licht auf den Menschen eröffnen uns völlig neue Möglichkeiten. Annette Steinbusch leitet die Arbeitsgruppe „Human Centric Lighting” beim europäischen Industrieverband für Licht LightingEurope. Wir haben sie gefragt, in welchem Licht sich die Zukunft präsentieren könnte.

„Die Menschen bevölkern die Erde seit Millionen von Jahren. Ihre Entwicklung vollzog sich im Rhythmus der natürlichen Lichtverhältnisse”, erklärt Steinbusch. Erst seit relativ kurzer Zeit – seit ungefähr 150 Jahren – bröckelt die vormals enge Beziehung zur Natur. Maßgeblichen Anteil daran hat das künstliche Licht. Genau dieser Entfremdung will Steinbusch mit ihrer Arbeitsgruppe „Human Centric Lighting” entgegenwirken. „Wir wollen das Bewusstsein für die Bedeutung von Licht schärfen”, erklärt Steinbusch ihre Mission. „Denn Licht ist keine Selbstverständlichkeit. Genauso wenig ist es eine Ware”.



Die Wirkung von Licht

„Licht ist nicht nur entscheidend für unser Sehvermögen”, sagt Steinbusch, „es löst auch wichtige nicht-visuelle Prozesse in uns aus. So steigert Licht unter anderem unsere kognitiven Fähigkeiten, verleiht uns Energie, macht uns geistig wacher und gleichzeitig entspannter.” Wie stark dieser Effekt ausfällt, hängt von der Intensität und der Farbtemperatur des Lichts ab. Dabei geht es zwar nur um Nuancen – aber gerade diese Feinheiten deckt künstliches Licht oftmals eben nicht ab. Ein gutes Beispiel ist Bürobeleuchtung. Am Arbeitsplatz herrschen normalerweise immer dieselben Lichtbedingungen. Das gilt auch für Schulen, Krankenhäuser und Geschäfte.

Lange Zeit hinkte die Technologie dem Wissensstand hinterher. Während der Einfluss des Lichts auf das menschliche Wohlbefinden immer deutlicher zutage trat, fehlten letztlich die technischen Möglichkeiten, um die Theorie auch in die Praxis umzusetzen. Das ändert sich nun. „Wir haben heute mehr Möglichkeiten denn je, Licht und seine Wirkung zu kontrollieren”, sagt Steinbusch. „Mithilfe von LEDs und diversen Apps können wir die Beleuchtung nicht nur dimmen, ihre Intensität steuern, sondern auch Richtung und Farbe der Lichtquelle bestimmen. Diese Liste der Möglichkeiten ließe sich beliebig erweitern.” Kurzum: künstliches Licht kommt heute viel näher an das Original, das Sonnenlicht, heran. Das heißt, wir leben nicht mehr völlig losgelöst von den natürlichen Lichtverhältnissen.


Human Centric Lighting

„Human Centric Lighting” ist ein feststehender Begriff in Europa. „Entwickelt hat er sich aus dem Prozess, den Menschen und seine Bedürfnisse wieder stärker in den Mittelpunkt der Lichtplanung zu stellen. Ziel ist es, die verschiedenen Aspekte von Licht – visuelle und nicht-visuelle, also Funktion und Wirkung – unter einer Überschrift zu vereinen,” erklärt Steinbusch. Im Grunde gehe es darum, für alle Beteiligten aus Industrie und Politik eine klare Abgrenzung zum bisherigen Beleuchtungsansatz zu schaffen. „Ein einheitlicher Begriff stellt sicher, dass wir in Europa, wenn wir dasselbe sagen, auch dasselbe meinen.”

Human Centric Lighting spielt in verschiedenen Bereichen des alltäglichen Lebens eine wichtige Rolle, „von Schulen, Krankenhäusern über den Arbeitsplatz bis hin zu den eigenen vier Wänden“. Im Gesundheitsbereich etwa hat die Forschung ergeben, dass eine natürlichere Beleuchtung Pflege und Genesung unterstützt. Konkret kann Licht dazu beitragen, den Schlafrhythmus von Patienten wieder ins Gleichgewicht zu bringen oder ihren Appetit anzuregen. Im Schulumfeld könnten sowohl Lehrer als auch Schüler von der Wirkung tageslichtähnlicher Lichtverhältnisse profitieren. So wirkt sich Helligkeit nachweislich positiv auf das Konzentrationsvermögen aus. Gedämpftes Licht dagegen sorgt für eine ruhige und entspannte Atmosphäre.

Während die konsequente Umsetzung des Konzepts in den Klassenzimmern wohl noch etwas auf sich warten lässt, haben Sportler das Potenzial von Human Centric Lighting längst erkannt. Vor allem in den dunklen Wintermonaten versprechen sie sich vom richtigen Lichteinsatz einen zusätzlichen Leistungsschub. Vielreisenden hilft der bewusste Umgang mit Licht außerdem, Jetlags leichter wegzustecken. Schließlich hat das Thema auch den Weltraum erreicht. Lange Aufenthalte im All zehren an der Gesundheit. Forscher untersuchen daher, wie sich das Konzept auf Astronauten und ihre Umgebung übertragen lässt.


Eine Frage der Generation

„Es ist allgemein schwierig vorherzusagen, ob sich ein Trend am Ende auch wirklich durchsetzt,” sagt Steinbusch. Allerdings gäbe es derzeit Anzeichen, die für einen Durchbruch von Human Centric Lighting sprechen. Dazu gehöre zum Beispiel das Verhalten der Digital Natives, jener Generation also, die mit den digitalen Medien aufgewachsen ist. „Die jungen Leute machen heute alles mit dem Smartphone”, führt sie weiter aus, „sie legen viel Wert auf ihre Umwelt und haben keine Berührungsängste mit digitalen Neuerungen”. Potenzial sähe sie außerdem in der Alterung der westlichen Industriegesellschaften. Die Menschen müssten immer länger arbeiten. Was nicht bedeute, dass der Köper deswegen auch länger leistungsfähig sei. Da das Sehvermögen im Alter naturgemäß abnehme, werde in Zukunft noch mehr Wert auf gesunde Lichtverhältnisse am Arbeitsplatz gelegt.

„Die Geschichte zeigt, dass alle großen Veränderungen erst eine Generation gebraucht haben, bevor sie auch wirklich im Alltag der Menschen ankamen”, gibt Steinbusch zu bedenken. „Vielleicht ist das auch der Fall bei Human Centric Lighting und es wird noch 25 Jahre dauern, bis sich dieser Ansatz etabliert hat. Leider habe ich keine Kristallkugel.”